von Pfarrer Thomas Tillman
An(ge)dacht: Jesus weint
Denke ich an Jesus, kommen mir nur wenige Worte der Bibel in den Sinn, die mich in der Tiefe einer Seele so emotional anrühren wie das Bibelwort, das Johannes, der Evangelist, über Jesus notiert: „Da weinte Jesus.“
Jesus weint, obwohl er Lazarus aus dem Tod ins Leben ruft. Vor ein paar Tagen zuvor hatten
Maria und Marta Jesus um Hilfe gebeten. Ihr Bruder Lazarus sei schwer krank. Ohne Jesu Hilfe
würde er sterben. Jesu Kommen verzögert sich. Als er bei den beiden Schwestern eintrifft, ist ihr Bruder vier Tage tot. Jesus macht sich auf den Weg zum Grab und weint. So überwältigt ist er von der Macht, die der Tod hat. Mir scheint, als sei Jesus so verzweifelt und traurig wie wir, wenn der Tod Lebende und Liebende unwiederbringlich auseinandergerissen hat. Mir scheint, als fühle sich Jesus hilflos, als glaube er nicht mehr daran, mit Gott verbunden zu sein, als wäre ihm nicht länger möglich, Tote ins Leben zurückzurufen.
Der weinende Jesus, er ist mir nahe und ich ihm. Seine Tränen rühren mich an. Sie zeichnen
ihn so zärtlich, so zerbrechlich, so menschlich. Wirkt Jesus auf mich oftmals so, als sei er in seinem Denken, Fühlen und Handeln unerreichbar für mich, kommt er mir mit seinen Tränen sehr viel näher als ich mir das vorzustellen vermag. Jesus weint. Fast möchte ich ihn trösten und in den Arm schließen wie ein anderer mich in die Arme geschlossen und mir die Tränen abgewischt hat, als ich geweint habe.
Die Geschichte um Lazarus nimmt ein gutes Ende. Als Jesus an seinem Grab ankommt, fordert er die Anwesenden auf, das Grab des Verstorbenen zu öffnen. Er riecht schon‘, wendet Martha ein. Das Wunder geschieht; Jesus, jetzt wieder souverän, ruft Lazarus zurück ins Leben. Als wolle er seine eigene Geschichte vorwegnehmen und in einem Vorgriff schon sagen: Das Leben siegt!
Staunend gehen die Menschen fassungslos auseinander. Unvorstellbares, was sage ich: Unglaubliches hat sich zugetragen. Und ich verstehe: Wo ich an den Gräbern meines Lebens stehe, wo ich mein Versäumen und Versagen vor Augen habe, wo ich mich Gott zuwende, von ihm Hilfe und Heil erbitte, nähert sich mir weinend der Auferstandene, um mir zuzurufen: „Ich lebe. Du wirst auch leben.“
Gott segne Sie.
Ihr Pfarrer Thomas Tillman